Bietigheim und Europa: wer braucht wen?

Knapp zwei Wochen ist es her, dass Mme Ciuntu, Bürgermeisterin von Sucy-en-Brie, im Rahmen eines grandiosen „Spectacles“ dem Bietigheimer Oberbürgermeister Kessing den symbolträchtigen Schlüssel zum Schloss ihrer Stadt überreichte. Die Szene erinnerte an den morgendlichen Besuch im Pariser Grand Palais, wo Rodins Bürger von Calais, ihr nahes Ende vor Augen, dem König von England den Stadtschlüssel übergeben. Durch die Ausstellung führte ein Audioguide in den Sprachen Französisch, Englisch und Spanisch. Gewisse kulturelle Grenzen wollen eben doch beachtet sein. Am Abend in Sucy standen sie aber weit offen. Mitten durch die Schar der Tänzer, Mimen und Musiker bewegte sich der Philosoph Denis Diderot, von dem zwar der Satz stammt, dass der erste Schritt zur Wahrheit der Zweifel ist, für den die Menschen aber gut und glücklich sind, wenn das Gute sie eint und verbindet.

Es fehlt weder an Erkenntnis noch an gutem Willen. Beide Seiten beschworen Europa und allem voran die deutsch-französische Freundschaft unter dem Diktat von Brexit und Donald Trump. Es klang wohltuend nüchtern. Das Niveau, auf dem zwei Partnerstädte arbeiten könnten, sei nun mal „simple“, übersetzen wir es mit „bescheiden“. Und das in einem schwierigen Umfeld. Was Emanuel Macron mit Europa vorhabe, so unsere Gastgeber in Sucy, wüssten sie selber nicht und den Kommentatoren in den französischen Zeitungen scheint es ähnlich zu gehen. Die amüsieren sich über typische Merkelsätze, die auf Französisch noch lustiger klingen als im Original.

Vor 50 Jahren sagte Walter Hallstein, es gelte zunächst Europa intellektuell zu bewältigen. Wie weit wir davon noch entfernt sind, offenbarten die nachdenklichen Reden anlässlich der Trauerfeierlichkeiten zum Gedenken an Helmut Kohl. Was also tun? Schickt die jungen Leute hinüber und herüber. Lehrt sie die andere Sprache und Kultur zu verstehen. Vielleicht könnten wir dann sogar auf das holprige Denglisch und Frenglisch verzichten. Lernen wir Gelassenheit, wenn der Omnibus 20 Minuten braucht, um aus dem Kreisverkehr an der Place de la Concorde hinauszukommen. Halten wir es mit Diderot bei der Frage, ob Bietigheimer Prosperität als Erfolgsmodell für Europa taugt und bleiben wir mit Mme Ciuntu – bescheiden.

Dr. Georg Mehrle, FDP-Fraktion

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